Hermann, Judith — Aller liebe Anfang

Der Romanerstling von Judith Hermann wur­de von der deutsch­spra­chi­gen Feuilletonkritik halb ve­ris­sen und halb  ge­lobt. Gott sei dank ist kein Schriftsteller da­zu ver­pflich­tet, Feuilletonjournalisten, zu­mal be­leh­rend auf­tre­tend und sich im Ton ver­grei­fend, zu ge­fal­len. Es gibt über­haupt nur we­ni­ge, die es mei­ner Ansicht nach ge­schafft ha­ben, das Werk pas­send zu be­spre­chen.

Zu ei­ner pas­sen­den Besprechung ge­hört vor al­lem die rech­te Einordnung. Hermann hat ein Psychogramm ei­ner Mitdreißigerin ge­schrie­ben, die dort an­ge­kom­men ist, wo sie sich hin ge­träumt hat, die sich dort aber nicht wohl fühlt : In ein klei­nes Häuschen samt Tochter und Ehemann. Auch in die Beziehung zu ih­rem Mann ist sie halb zog sie ihn, halb sank er hin ge­kom­men. Sie fühlt sich nicht wohl in ih­rem Leben und nicht in ih­rem Beruf, denkt ans Aufhören. Im Altenheim, wo sie ar­bei­tet, hat sie es mit an­de­ren Paaren zu tun, de­ren Leben sie un­be­tei­ligt und un­per­sön­lich, aber nicht un­in­ter­es­siert be­geg­net. Sie kann nicht aus ih­rer Haut, kann kei­ne Revolution im Privaten auf den Weg brin­gen. Das Unheil nä­hert sich in Person ei­nes Stalkers in der­sel­ben Straße, das letz­ten Endes das bis­he­ri­ge Privatleben sprengt.

Wie Hermann die­se Unglückskonstellation auf we­ni­gen Seiten am Anfang des Romans zu­sam­men­zurrt, dass ist gro­ße Kunst. Und mir passt der Schreibstil in die­ser Geschichte auch we­sent­lich bes­ser als in ih­rem Debut. Man könn­te sich ei­ne grö­ße­re Distanz in der Form zwi­schen Erzähler und Hauptfigur den­ken, aber das wä­re viel­leicht der Stimmung des Romans ab­träg­lich ge­wor­den.

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Hermann, Judith — Sommerhaus, später

Ich ha­be die­sen Schmöker seit Ewigkeiten im Schrank ste­hen. Aber nach dem ers­ten Hype, der mir nicht ganz ge­heu­er war, ha­be ich das Lesen vor mir her ge­scho­ben. Vielleicht fin­det sich ei­ne Zeit, zu der man un­vor­ein­ge­nom­me­ner an das Werk ge­hen könn­te. In der Diskussion um den ak­tu­el­len Erstlingsroman von Judith Hermann fand ich es nun pas­send, zu­nächst die­ses Werk mir vor­zu­neh­men, um ei­nen Stil der Autorin aus­zu­ma­chen. Der ist zwar vor­han­den, aber in die­sem Buch ge­win­ne ich ihm nichts ab. Die Geschichten plät­schern un­be­we­gend für den Leser vor sich her, mal mit mehr, mal mit we­ni­ger Lokalkolorit.

In dem Berlin, das Judith Hermann er­zäh­le­risch er­fun­den hat­te, woll­ten auch wir le­ben.

schreibt Ijoma Mangold. Für mich spricht Mangold nicht. Mag sein, dass das Buch ein ade­qua­tes, stil­ge­ben­des Bild der Berliner Künstlerszene des aus­ge­hen­den Jahrtausends ge­we­sen ist. Inzwischen ist es ver­pufft.

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