Degen, Michael — Nicht alle waren Mörder

Der Schauspieler Michael Degen hat vor Jahren sei­ne Kindheitserinnerungen in Berlin zu Papier ge­bracht. In mei­nem Bücherschrank war­te­ten sie als 5-Euro-Taschenbuchausgabe von Ullstein, ge­le­sen zu wer­den. Dem bin ich end­lich ein­mal nach­ge­kom­men. Degen schil­dert ein­präg­sam, wie ge­fähr­lich sei­ne Kindheit war, wie trau­ma­tisch die Erlebnisse, wie schnell sich Kinder an Kriegszeiten an­pas­sen kön­nen. Dabei ist sei­ne Schilderung nicht an­kla­gend und nicht de­pri­mie­rend.
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Lichter, Horst — Keine Zeit für Arschlöcher

Nach der Lektüre die­ses Buches wür­de ich sa­gen : Horst Lichter ist ein her­zens­gu­ter Rheinländer, der im Fernsehen ei­ner der letz­ten sym­pa­thi­schen Fernseh-Moderatoren der leich­ten Unterhaltung dar­stellt und der über­flüs­si­ge Bücher schreibt. Dieser Biographie geht lei­der kom­plett das Analytische ab, sie ist zwar auf­rich­tig, aber kratzt nur an Oberflächen. Es wird ge­lit­ten, es wird ge­weint, es wird ge­fei­ert, es wird was er­reicht. Aber wie man aus Tälern her­aus­kommt, wie man Erfolg ver­kraf­tet, ein­ord­net, wie man zu­hört, wie man Arschlöcher er­kennt und um­geht, wie es der Titel doch ir­gend­wie an­vi­siert wird — das al­les fehlt in die­sem Buch. Alles schwimmt im Ungefähren. Für Fans ei­ne ein­fühl­sa­me Unterhaltung, das war’s aber auch.
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Venske, Henning — Es war mir ein Vergnügen

Henning Venske hat sei­ne Autobiographie nie­der­ge­schrie­ben, was viel­leicht we­ni­ger ei­ne ge­naue Biographie ist als viel­mehr ein Begleiten der po­li­ti­schen Veränderungen in der Bundesrepublik und des ver­ein­ten Deutschlands seit dem Krieg.

Es ist be­ein­dru­ckend zu er­fah­ren, wie er als Junge sich aus Stettin zu Fuß mit Mutter, Tante und Bruder nach Hamburg durch­schlägt und den­noch ei­ne so mun­te­re Kindheit und Jugend er­fährt. An vie­len Stellen kommt die Bissigkeit des Kabarettisten Venske durch, sein Ausscheiden bei der Sesamstaße — wo­her ich ihn ne­ben Als die Autos rück­wärts fuh­ren als Kind kann­te — hat­te wohl auch po­li­ti­sche Gründe.

Die Geschichten aus den spä­te­ren Jahren als Kabarettist, den ich aus dem Fernsehen kann­te, lie­fer­te mir net­tes Hintergrundwissen zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Ein net­tes Lesevergnügen zu ei­nem der Stars mei­ner Kindheit.

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Biller, Maxim — Der gebrauchte Jude

Maxim Biller ist ein be­gab­ter Schriftsteller, dem sei­ne Eitelkeit et­was im Weg steht, aber das ist eben auch sein Weg. Dieser bio­gra­phi­sche Schmöker bie­tet ei­nen in­ter­es­san­ten Einblick in das Leben ei­nes jü­di­schen Schriftstellers in Deutschland, das zwangs­läu­fig an­eckt und wei­ter in Bewegung bleibt. An den Stellen, an de­nen der Autor in­tel­lek­tu­ell wir­ken will, ist es al­ler­dings eher platt.
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Hoes, Isa — Toen ik je zag

Ich war sehr er­nüch­tert, als ich vor kur­zem erst mit­be­kam, dass Antonie Kamerling ge­stor­ben ist. Seine Ehefrau schrieb die­ses Buch über ihr Zusammenleben mit Kamerling, die Anfänge der Karrieren der bei­den, das Gründen der Familie und die bi­po­la­re Störung, un­ter der Kamerling litt und nicht über­win­den konn­te. Der Titel ist der sei­nes größ­ten Hits. Das Buch ist so ehr­lich wie bit­ter, weil mehr Fragen und Zweifel blei­ben, als aus­ge­räumt wer­den kön­nen. Es ist ein Protokoll des Mitleidens und Scheiterns, des Sich-Übergebens an den Tod und des Standhaltens. Es ist ei­nes der bes­ten Bücher in der nie­der­län­di­schen Literatur der letz­ten Jahre.
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Zimmermann, Eduard — Auch ich war ein Gauner

Es ist schon ganz in­ter­es­sant zu le­sen, wie Eduard Zimmermann vor dem Zweiten Weltkrieg leb­te und nach dem zwei­ten Weltkrieg ein we­nig rum­gau­ner­te. Aber so schlimm war es dann doch nicht. Dass da­mals viel ge­hehlt wur­de, mach­te be­stimmt vie­le zu Gaunern, die spä­ter da­von ab­lie­ßen. So ganz spek­ta­ku­lär will mir das nicht vor­kom­men.

Dass er da­nach al­ler­dings in hals­bre­che­ri­scher Art und Weise in Frachträumen von Schiffen als blin­der Passagier gen Schweden schip­per­te, beißt sich für mich fast ein we­nig mit sei­nen spä­te­ren Warnungen in Aktenzeichen XY … un­ge­löst vorm Trampen, was et­was bie­der da­her­kam.

Die letz­ten 35 Jahre sei­nes Lebens kom­men viel­leicht gen Ende des Buches et­was kurz, aber man ge­winnt ei­nen gu­ten Einblick in sei­ne Auffassung der Kriminalsendung, die ihn so be­rühmt mach­te. Alles in al­lem ein un­ter­halt­sa­mer Blick in ei­ne jüngst ver­gan­ge­ne Zeit.

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Gottschalk, Thomas — Herbstblond

Autobiographien un­ter­lie­gen im­mer der Ausgangsschwierigkeit, dass der Autor die Sache gar nicht ganz oder ge­recht er­fasst hat, ob­wohl er doch selbst meist da­bei war. So ist das lei­der auch mit Thomas Gottschalk. Der Erfolgsmoderator von Wetten, dass ..? hat kaum ei­ne Erklärung für den Erfolg der Sendung, sei­nen Anteil dar­an, und kann die un­pas­sen­den Rettungsversuche, mit dem man das Publikum ver­schreck­te, nicht pas­send ein­schät­zen. Was sei­ne Ausführungen zu Jackass in die­sem Schmöker zu su­chen ha­ben — ein ein­zi­ges Rätsel. Als zu le­sen­des Buch ist die ers­te Hälfte zu­dem von aus­ge­such­ter Langweiligkeit : Sein Publikum hat ihn im­mer ge­liebt. Der Kritikeranspruch an sei­ne Sofainterviews wa­ren zu hoch. Dass ihm vor­ge­wor­fen wur­de, sich nicht für das Gesagte zu in­ter­es­se­ren — bei Wetten, dass..? wie bei Gottschalk live — das scheint er nicht er­fasst zu ha­ben.

Da ist das Hörbuch we­sent­lich bes­ser, das legt man nicht so schnell weg. Tiefe ge­winnt das auch nicht, aber im­mer­hin hat man am Ende ei­ne Kreisler-Interpretation Gottschalks, die noch das bes­te am gan­zen Hörbuch ist. Das er­in­ner­te mich dann auch an ei­ne Episode in Gottschalks Leben, die er un­ter den Tisch fal­len lässt : Das pein­li­che What hap­pen­ed to Rock ‘n’ Roll. Das war kein Rock ‘n’ Roll, das war un­ge­lenk, un­ro­ckig und un­pas­send. Man merk­te da­mals, dass er kein Gespür hat­te, ob das, was er cool fand, in die­ser Form auch cool war. Und dass er da­mit auch nicht über­zeug­te, so sehr die Fernsehnation ihn lieb­te.

Im zwei­ten Teil des Buches kommt Gottschalk bes­ser in Fahrt, wenn er Dieter Bohlen kri­ti­siert. Das ist tref­fend und in­for­ma­tiv. Dass er sei­ne Vorabendshow bes­ser al­lei­ne hin­be­kom­men hät­te und dass das Format School’s out ir­gend­wie be­mer­kens­wert wä­re, das sind Gedanken, die man ihm las­sen kann, sie in­ter­es­sie­ren sonst kaum je­man­den.

Aber wenn man Gottschalk vor­le­sen hört, ist er zwei­feil­soh­ne der sym­pa­thi­sche Thommie, da ist er na­he dran an dem Gottschalk, den Fernsehdeutschland so lieb­te : Derjenige, der über­ra­schend in ir­gend­wel­che Situationen ge­wor­fen wird, aus de­nen er sich mit Humor, dem rich­ti­gen Gespür für die Situation, dem pas­sen­den Ton, ei­nem Lächeln und gu­ter Laune her­aus­win­det. Ist es wirk­lich so schwer, dar­aus heut­zu­ta­ge ei­ne Fernsehsendung zu ma­chen ?

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Harlan, Thomas — Veit

Vor vier Jahren ent­deck­te ich Thomas Harlan für mich. Schon merk­wür­dig, wer al­les so am ei­ge­nen Radar vor­bei geht. Wenn ich mich recht er­in­ne­re, war das auch nur beim Durchzappen von YouTube, den ge­nau­en Anlass ken­ne ich nicht mehr. Nun kam mir auf die­sel­be bei­läu­fi­ge Weise sein letz­tes Buch un­ter die Augen : Veit. Vom Sterbebett aus dik­tier­te der Sohn von Veit Harlan ein letz­tes Mal sei­nen Kampf ge­gen den Vater, von dem er auf des­sen Sterbebett noch et­was Einsichtsvermögen wahr­ge­nom­men hat. Er rang auch zum Schluss noch mit dem an die Nationalsozialisten ver­kauf­ten künst­le­ri­schen Erbe, mit dem Unvermögen des Vaters, sich der ei­ge­nen Schuld recht­zei­tig zu stel­len. Das mag man be­dau­er­lich fin­den oder kon­se­quent. Das Buch ist nicht oh­ne Tücken, aber ge­ra­de ob der Sprachgewalt Thomas Harlans be­ein­dru­ckend.
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Zuckmayer, Carl — Geheimreport

Offen ge­stan­den ken­ne ich nur we­ni­ge der in die­sem Buch be­schrie­be­nen Personen. Aber das scheint mir gar nicht so wich­tig, denn Zuckmayers mei­nungs­star­ker, poin­tier­ter Stil setzt den mir be­kann­ten schar­fe Konturen und den an­de­ren im­mer­hin ein ver­ständ­li­ches Bild. Man hat es hier mit dem Rückgrat ei­nes wort­rei­chen Schriftstellers zu tun, der ver­sucht, un­ver­lo­gen und fair ge­gen­über den Rollen der an­de­ren zu sein.
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Kerkeling, Hape — Der Junge muss an die frische Luft

Dieses Buch ist wohl eher et­was für Fans des ak­tu­ell mit zu den be­deu­tends­ten Komikern zäh­len­den, ge­bür­ti­gen Recklinghauseners.
Kerkeling er­zählt von ei­ner fröh­li­chen Kindheit, die vom Tod sei­ner Mutter über­schat­tet wird, wel­cher al­ler­dings auch der Fixpunkt für Kerkelings spä­te­re Karriere zu sein scheint. Sicherlich ist die­se Tragödie we­sent­lich für ein Verständnis von Kerkelings Kunst, der Rest des Buches kommt al­ler­dings et­was schwärmerisch-spirituell und ba­nal da­her. Insofern soll­te man den Autor schon ken­nen, um et­was vom Buch zu ha­ben.

Um kei­nen fal­schen Eindruck zu hin­ter­las­sen. Ich ha­be von der ers­ten Phase Kerkelings Humor un­ge­mein ge­zehrt und ge­lernt, konn­te die Aben Hannilein & Co., Erwarnten se nix und Kein Pardon mit­spre­chen. Allerdings ha­be ich den Schnitt da­nach nicht ver­stan­den. Hape Kerkeling war in all sei­nen Spielfilmen, in sei­nen Shows und Aktionen wei­ter­hin un­ge­mein sym­pa­thisch, aber eben auch so rou­ti­niert, dass der spon­ta­ne Witz ver­lo­ren ging. Und auch sein Spiel mit der Kamera ließ er sein. Im Buch er­klärt er die­se Veränderung nicht. Es wun­dert mich auch, dass Angelo Colagrossi mit kei­ner Silbe er­wähnt wird. Aber viel­leicht er­scheint ja ein­mal ei­ne Fortsetzung der Biographie.

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